„Grand Games of Solitaire“
Ein riesiger Großraumbereich, nur durch transparente Glaswände unterteilt: Ursprünglich als Standort für die Textilherstellung genutzt, war das CAAL (Centro per l’Automazione dell’Analisi Letteraria) nun mit IBM-Lochkartenmaschinen gefüllt. In diesem Zentrum im italienischen Gallarate sollen in seiner Blütezeit in den 1960er Jahren etwa siebzig Mitarbeiter beschäftigt gewesen sein, die meisten von ihnen junge Frauen. Sie arbeiteten daran, elf Millionen überwiegend lateinische Wörter auf Lochkarten zu erfassen; ihr Ziel war eine lemmatisierte Konkordanz sämtlicher Werke Thomas von Aquins. Dieser „Index Thomisticus“ wurde von Pater Roberto Busa SJ (1913-2011) in den 1940er Jahren ins Leben gerufen, entwickelt und über 30 Jahre zum Abschluss gebracht. Bahnbrechend an diesem Unterfangen war die Verbindung von geisteswissenschaftlicher Expertise und der Rechenkraft von Computern. Den gesamten Wortschatz Thomas von Aquins auf Lochkarten zu erfassen sollte automatisierte Abfragen und Auswertungen ermöglichen (dazu Busa, 1980). So begann vor mehr als siebzig Jahren eines der ersten und wegweisenden Projekte der Digital Humanities.

„The Next Big Thing“ in den Geisteswissenschaften
Aber was genau meint man heute, wenn man über Digital Humanities (DH) spricht? DH können vieles sein. Auch wenn im Einzelnen noch diskutiert wird, ob und inwieweit sie eine Disziplin, ein Fachgebiet oder ein methodisches Instrumentarium sind, „beschreibt der Begriff im weiteren Sinne“ jedenfalls „eine Verbindung zwischen Informatik, digitalen Werkzeugen und Medien sowie geisteswissenschaftlicher Forschung“ (Risam, 2019). Als „Next Big Thing“ (Pannapacker, 2015) werden DH häufig als ein Ansatz zur Neugestaltung der Geisteswissenschaften betrachtet. In diesem Sinne wird DH als Sammelbegriff (Day of DH: Defining the Digital Humanities, 2016; Pannapacker, 2011) und zugleich als taktischer Begriff (Kirschenbaum, 2012) verwendet, der sich bewusst jeder engen Definition entzieht und offen für Erweiterung und neue Interpretationen bleibt.

Als Resultat einer langen Tradition der Technologie als Werkzeug und der Notwendigkeit, die Wechselbeziehung zwischen den DH und den Geisteswissenschaften insgesamt sowie deren Interaktion und Umsetzung in konkreten Disziplinen zu erfassen und theoretisch zu begründen, besteht zudem eine gewisse Spannung, ob die DH als Werkzeug oder als Methode zu verstehen sind (Svensson, 2012). Diese Spannung ist bekannt als „Hack vs Yack-Debatte“, wobei „Hack“ verstanden wird als das praktische Programmieren von Tools und Datensätzen, während „Yack“ die methodisch-kritische Theoretisierung bezeichnet. So dreht sich die Debatte um die Pole von Tun und Gestalten gegenüber Reden und Theoretisieren (Nowviskie, 2016).
Angesichts der Heterogenität des Fachgebiets sowie seiner Offenheit und Inklusivität gegenüber verschiedenen Disziplinen mit ihren eigenen epistemologischen Traditionen ist es sinnvoll, den Fokus stärker auf die disziplinenspezifischen Anwendungsbereiche und Ausrichtungen der DH zu richten und einen Ansatz zu verfolgen, der DH als Handelszone oder Treffpunkt betrachtet. Eine solche Perspektive hebt wesentliche Aspekte der DH wie Interdisziplinarität und intensive Zusammenarbeit hervor (Svensson, 2012). Da wir uns selbst auf (rechts)historische Forschung spezialisieren, werden wir uns stärker auf diesen speziellen Anwendungsbereich der DH konzentrieren: die sog. Digitale Geschichtswissenschaft.
Digitale Geschichtswissenschaft (Digital History)
Digital History, auch als digitale Geschichtwissenschaft bekannt, ist schon seit mehreren Jahren ein Studienschwerpunkt im historischen Curriculum. So gibt es an der Humboldt-Universität in Berlin eine Professur für Digital History, genau wie an der Universität Bielefeld. Daneben hat sich die Digitale Geschichtswissenschaft bereits als Forschungsfeld etabliert. Ihre Ursprünge und der Aufstieg der quantitativen Geschichtswissenschaft (Kliometrie) können bis in die 1960er Jahre zurückverfolgt werden (Romein et al., 2020), während die ersten Ansätze zu qualitativen Analysen in den 1990er Jahren mit dem Aufschwung der Personal Computer entstanden.
Zu Beginn ging die digitale Geschichtswissenschaft Hand in Hand mit der Notwendigkeit, den Zugang zu Primärquellen zu öffnen und diese einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Inzwischen bieten Computer allerdings neue Möglichkeiten, historische Quellen zu analysieren und auszuwerten. Während digitale Editorik und automatische Texterkennung weiterhin wichtige Bereiche bleiben, öffnen digitale Methoden weitere Interessengebiete für die historische Forschung. Die folgende Aufzählung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern soll einen Eindruck von der Vielfalt der Methoden, analytischen Zugriffe und möglichen Fragestellungen vermitteln:
- Computer Vision: eine Technik zur computergestützten Analyse großer Korpora historischer Bilder, um beispielsweise Inhalte zu identifizieren und in Kategorien einzuteilen, sodass Historikerinnen nicht nur Textmaterial, sondern auch nicht-textuelle Elemente digitalisierter Bücher, Zeitungen und anderer Quellen nutzen können (Strien et al., 2022 mit Anwendungsbeispielen).
- Historische Netzwerkanalyse: sie lässt nicht nur historische Netzwerke sichtbar werden, sondern zeigt auch die Beziehungen und den Austausch zwischen den Knotenpunkten der Netzwerke. Ein gutes Beispiel für die Anwendung dieses Ansatzes in der Rechtsgeschichte ist die Untersuchung des Austauschs von königlichen Beamten zwischen dem Königreich Portugal und seinen Kolonien im 17. und 18. Jahrhundert (Camarinhas, 2023).
- Distant Reading: ein Ansatz zur Analyse großer Textkorpora und zur Identifizierung linguistischer Muster. Die Anwendungen reichen von einfacher Wortfrequenzanalyse bis hin zu komplexen Aufgaben wie Topic Modelling, Sentiment Analysis, Stilometrie und Wort-Embeddings. Das sog. Scalable Reading kombiniert Distant und Close Reading, um interessante quantitative Muster mit Hilfe qualitativer Methoden genauer zu untersuchen: Mit Hilfe von Distant Reading-Analysen werden Texte auf allgemeine Muster (Patterns) durchsucht. Ein menschlicher Leser untersucht dann die dabei gefundenen, interessant erscheinenden oder überraschenden Passagen (Close Reading), um genau zu verstehen, worum es in jedem einzelnen Fall geht. Diesen Wechsel zwischen algorithmischem Distant und menschlichem Close Reading bezeichnet man als Scalable Reading, da man eben flexibel den Umfang (Scale) des untersuchten Text(ausschnitt)s anpasst.
- Linked Open Data (LOD): ein Datenstandard, der es erlaubt, historisches Material strukturiert in einem maschinenlesbaren Format zu erfassen, zwischen verschiedenen Forschungsprojekten zu teilen und nachzunutzen. Informationen werden dabei durch strukturierte Beziehungen zwischen Entitäten wie Personen, Orten, Texten oder Institutionen dargestellt. Dadurch lassen sich Daten aus verschiedenen Quellen miteinander verknüpfen, effizient durchsuchen und in großem Umfang analysieren. Am Max-Planck-Institut für Rechtsgeschichte und Rechtstheorie in Frankfurt nutzt das von Dr. Benedetta Albani geleitete Projekt „Orbis Dioecesium. Authority data on legal-historical changes of catholic dioceses (OrDi)“ Linked Open Data, um das historische System aller katholischen Diözesen weltweit von ihrer jeweiligen Gründung bis heute zu rekonstruieren und auf historischen Karten zu visualisieren. Diese umfangreiche Arbeit beruht auf einer Ontologie, in der alle involvierten Subjekte und Objekte wie Personen, Organisationen, Orte, Dokumente und Ereignisse inklusive ihrer Beziehungen zueinander enthalten sind. Jede Entität wird darin durch Triplet-Beziehungen „Subjekt-Prädikat-Objekt“ dargestellt und steht so mit mehreren anderen Entitäten in Verbindung. Diese komplexen Verbindungen erlauben es schließlich, alle Diözesen in einem System darzustellen, in dem alle Beziehungen auf einem abstrakten Niveau repräsentiert werden.

Digitale Editionen als Grundlage transnationaler Forschung: Das Beispiel der “Schule von Salamanca”
Digitale Editionen gehören zu den klassischen Tätigkeitsbereichen der DH. Nehmen wir zum Beispiel das Projekt „Die Schule von Salamanca. Eine digitale Quellensammlung und ein Wörterbuch ihrer juristisch-politischen Sprache“, das von der Mainzer Akademie der Wissenschaften in Zusammenarbeit mit dem Max-Planck-Institut für Rechtsgeschichte und Rechtstheorie und der Goethe-Universität Frankfurt durchgeführt wird. Seit 2013 arbeitet ein kleines Team hier an der digitalen Edition von knapp einhundert Drucken des 16. und 17. Jahrhunderts, zentriert um Autoren der iberischen Spätscholastik. Am Anfang stand die Idee der Zugänglichkeit: die Forschenden hatten selbst die Erfahrung gemacht, dass frühneuzeitliche Drucke nicht überall in Bibliotheken vorhanden und zugänglich sind. An Standorten mit außergewöhnlich guter Bibliothekssituation (denken wir an die Bayerische Staatsbibliothek in München oder die Universitätsbibliothek in Salamanca) ist die Fülle der vorhandenen Originale überwältigend, an anderen Orten, etwa in Buenos Aires oder Manila, an denen ebenfalls ein großes wissenschaftliches Interesse an den Quellen der spanischen Kolonialepoche besteht, sieht die Lage schon anders aus. Auch Google Books mit seinem nicht-konsistenten und häufig qualitativ eingeschränkten Angebot kann da nur teilweise Abhilfe bieten. Deshalb besteht ein Bedürfnis der Forschung nach einer kuratierten Quellensammlung, die durchsuchbare Volltexte und hochaufgelöste Scans der Buchseiten bietet und frei im Open Access für jeden Forschenden mit Internet-Zugang zu erreichen ist: Zugang zu Quellen für eine globale Forschungscommunity zu schaffen gehörte von Beginn an zu den Grundlagen der Digitalen Geisteswissenschaften.
Hat man einmal mit der digitalen Arbeit begonnen, entstehen leicht neue Ideen und Begehrlichkeiten, wie wir es auch im Salamanca-Projekt erfahren haben: eine Textsuche, aber mit raffinierten Suchmöglichkeiten, die sich etwa an die uneinheitliche Rechtschreibung der Frühen Neuzeit anpassen oder den Kontext des Suchwortes berücksichtigen; eine KI-gestützte Suche nach Parallelstellen über mehrere Werke hinweg; eine Möglichkeit, mit Methoden des Distant Reading Texte auf inhaltliche Schwerpunkte anhand von Vokabular und Syntax untersuchen zu lassen, um dann im Close Reading sich in einzelne Passagen analytisch zu vertiefen. Auch die Editionsarbeit, um die gedruckten Bücher in online verfügbare Texte zu verwandeln, sucht nach Möglichkeiten, sich durch Algorithmen das Leben leichter zu machen: Automatische Texterkennung funktioniert grundlegend auch bei frühneuzeitlichen Drucken schon recht zuverlässig, scheitert aber oft am komplizierten Seitenlayout mit Kustoden, Randnoten, Kursivdruck und den durchscheinenden Seiten bei zu dünnem Papier. Die Auflösung von Abkürzungen kann zumindest bei eindeutigen Fällen schnell und effizient automatisch vorgenommen werden. Ein wachsendes Wörterbuch mit dem lateinischen Vokabular der frühneuzeitlichen Scholastik und Jurisprudenz hilft beim Aufspüren zeitgenössischer Druckfehler und moderner Transkriptionsirrtümer. Jeder Editionsschritt wird in den Textdaten selbst dokumentiert, um transparent nachvollziehbar zu bleiben. Hinter jedem dieser Automatisierungsschritte stehen allerdings viel vorangegangene manuelle Arbeit und erhebliche Expertise im Umgang mit historischen Quellen sowie mit modernen Datenformaten.
Digital Humanities sind ein Mannschaftssport
Deshalb noch einmal zurück zur Aussage von Pater Busa: die Arbeit an dem elektronischen Textindex sei wie ein „grand game of Solitaire“ gewesen (Busa, 1980). Diese Metapher zieht ihre Kraft nicht nur aus den zahllosen (Loch)Karten, die erstellt und sinnvoll verarbeitet werden mussten – sie beschwört auch die klassische Vorstellung des (meist männlichen) Einzelforschers herauf, der in mühevoller, aber bahnbrechender Arbeit im Bergwerk des Wissens nach neuen Erkenntnissen schürft. Ein irreführendes Bild, brauchte doch Pater Busa die Arbeit von Dutzenden qualifizierter Mitarbeiterinnen, um seine Idee in greifbare Ergebnisse umzusetzen. Noch weniger passt das Bild für die modernen Vorhaben in den DH: Ohne interdisziplinäre Teamarbeit sind sie unmöglich durchzuführen. In einem Projekt wie „Die Schule von Salamanca“ arbeiten Kolleginnen aus den Disziplinen Philosophie, Rechtsgeschichte, Geschichte, Digital Humanities, Informatik und Philologie. Dieselben Texte gemeinsam aus so unterschiedlichen Perspektiven zu untersuchen, gehört zu den großen Vorteilen, Herausforderungen und auch zum Spaß eines DH-Projekts (Birr & Solonets, 2025). Interdisziplinäre Zusammenarbeit bildet somit die Grundlage jeder Arbeit im Bereich der Digital Humanities. Fickers und Heijden (2020) bezeichnen einen solchen Austauschprozess als „interdisziplinäre Handelszone“; dies beinhaltet nicht nur die Übersetzung von Konzepten und Methoden, sondern auch das Verlassen der eigenen disziplinären und methodologischen Komfortzone, um epistemologische Unterschiede zu überwinden und eine gemeinsame Basis sowie eine gemeinsame Sprache zu schaffen.
Risiken von Digital Humanities
Die Möglichkeiten der DH bestimmen auch zahlreiche ihrer Risiken. Im Sog des Möglichen und Wünschenswerten fällt es mitunter noch schwerer als bei herkömmlichen Forschungsvorhaben, auf dem Boden der begrenzten Ressourcen (Kenntnisse, Personal, Projektlaufzeit usw.) zu bleiben. Nach wie vor wird der notwendige Anteil manueller Arbeit bei der Erstellung, Anpassung und dem „Training“ von Algorithmen unterschätzt – ein Phänomen, das nicht nur für geisteswissenschaftliche Forschung, sondern auch für den Einsatz von Künstlicher Intelligenz und von ihnen gesteuerter Systeme im industriellen Maßstab gilt. Diese manuellen Aufgaben, ein Großteil der grundlegenden Arbeit in den DH, bleiben nicht nur unsichtbar, sondern außerdem ohne die verdiente Anerkennung. Auch das zeigt sich bereits an Pater Busas Projekt: so wie die Arbeit und Expertise der weiblichen Lochkartenoperateurinnen nicht als wissenschaftliche Leistungen anerkannt wurden, bestehen auch heute noch erhebliche Unterschiede in der Wahrnehmung und wissenschaftlichen Wertschätzung verschiedener Aufgaben in den DH (Nyhan, 2023). Es bedarf einer besonderen Aufmerksamkeit, damit sich die Mitarbeit in solchen Projekt gerade für junge Kolleginnen nicht als Karrierefalle herausstellt und ihre Arbeit adäquat in Veröffentlichungsverzeichnissen und akademischen Lebensläufen zur Geltung gebracht wird.
Ein weiteres Thema sind die notwendigen Überlegungen zu den (wissenschafts)politischen Grundlagen digitaler Verfügbarkeiten. Gerade in Zeiten der Massendigitalisierung, in denen riesige Mengen historischer Quellen nur wenige Klicks entfernt sind, ist es von größter Bedeutung, dass Historikerinnen sich mit den Politiken der Digitalisierung auseinandersetzen und darüber nachdenken, wie diese die Agenda der historischen Forschung beeinflussen. Dass physische Archiv- und Bibliotheksbestände nicht neutral sind, sondern in ihrer Entstehung und Zusammensetzung jeweilige Machtverhältnisse widerspiegeln, ist Konsens unter den Historikerinnen. Die Tatsache, dass dies auch für digitalisierte Quellen gilt, muss jedoch erst ins Bewusstsein rücken (Zaagsma, 2023): Welche Quellen digitalisiert werden, welche nicht, und wer darüber entscheidet, dazu die Fragen, warum, wo und wie wir auf die digitalisierten Quellen zugreifen können und wie dies unsere Forschung beeinflusst: all das sind entscheidende Fragen, denen sich Historikerinnen beim Nutzen digitaler Angebote bewusst stellen müssen.
Dazu kommen Fragen der Repräsentation und Diversität in der Erstellung eines “digital cultural record” (Risam, 2019). Weil das Schaffen und Aufrechterhalten digitaler Angebote erhebliche Ressourcen verlangt, besteht die Spaltung zwischen globalem Norden und globalem Süden auch im digitalen Bereich fort; nach Ansicht der Postkolonialen DH als Fortsetzung kolonialer Machtverhältnisse. Dazu werden Fragen wie „Why are the Digital Humanities so straight?“ (Chang, 2021) oder „Why are the Digital Humanities so white?“ (McPherson, 2012) zunehmend gestellt. Die Prinzipien des Datenfeminismus (D’Ignazio & Klein, 2020) können ebenfalls neue Wege für eine ethische und kritische Arbeit in den DH aufzeigen. Traditionelle Quellenkritik ist schon längst fest in der Geschichtswissenschaft etabliert; in den DH muss darüber hinaus berücksichtigt werden, in welchem Kontext und auf welche Weise, Quellen in Daten transformiert wurden (Lang & Suárez Cronauer, 2026). Dazu braucht es bessere Data Literacy, um Herkunft und Echtheit der verwendeten Daten kritisch einschätzen zu können (Romein et al., 2020).
„Black Box of Interpretation“
Wie hilft uns also das Digitale, zu verstehen, wie (heutzutage) Geschichte geschrieben wird? Wie beeinflusst es unsere Forschung? Geschichtsschreibung ist eine interpretative Praxis, die darauf abzielt, der Vergangenheit einen Sinn zu geben und die eigene Identität in Bezug auf sie zu konstruieren. Silke Schwandt (2022) argumentiert, dass die Digitalität nicht unsere allgemeinen Herangehensweisen an die Geschichte und ihre Methoden verändert, sondern vielmehr die Bedingungen, unter denen wir sie anwenden. Digitale Methoden zwingen Historikerinnen dazu, stärker darüber nachzudenken, wie historisches Wissen produziert wird. Die digitale Geschichtswissenschaft kann die „Black Box“ der Interpretation öffnen, indem sie die Prozesse, Annahmen und Modelle hinter der historischen Interpretation expliziter macht.
Auf der anderen Seite können die digitalen Möglichkeiten auch zu einer neuen Form von Black Box führen: auf welche Weise KI-Anwendungen wie Large Language Models (LLMs) konkret zu ihren Ergebnissen kommen, ist auch für Expertinnen nicht unbedingt nachzuvollziehen. Auch die algorithmischen Prozesse, die etwa bei den Analysen, die einem Topic Modelling zugrunde liegen, bleiben für die Mehrzahl der Historikerinnen wohl im Detail unverständlich. Die Arbeit mit Linked Open Data (LOD) beruht im Idealfall auf Daten, die man nicht selbst kodiert, sondern aus größeren Forschungszusammenhängen übernommen und nachgenutzt hat. Für deren Qualität müssen dann das Renommée der ursprünglichen Bearbeiter bzw. der veröffentlichenden Institution bürgen, denn im Einzelnen sind solche Kodierungen nicht mehr nachzuvollziehen. Diese Abhängigkeit von der Arbeit anderer ist nichts grundlegend Neues, denn auch bei der Benutzung einer kritischen Druck-Edition, bspw. einer mittelalterlichen Handschrift, verlässt sich die Historikerin auf die Expertise und sorgfältige Arbeit des Editionsteams. Neu ist dagegen der Maßstab, in dem digitale Quellen und Forschungsdaten produziert und verwendet werden. Damit kann aus Sicht des Forschenden eine neue, technisch-methodische Black Box entstehen, die auf Fragestellung, Quelleninterpretation und Ergebnisse Einfluss nimmt.
Datensätze, Ontologien, Visualisierungen und Algorithmen sind keine neutralen Werkzeuge, sondern interpretative Rahmen: Sie prägen das historische Verständnis und sind selbst in kulturelle Annahmen eingebettet. Digital Humanities sind, das ist aus den vorausgegangenen Überlegungen deutlich geworden, mehr als ein technisches Instrumentarium. Vielmehr liefert der Ausbau der Digitalen Geschichtswissenschaft sowohl die Gelegenheit als auch die Notwendigkeit zu einer epistemologischen Reflexion über die Disziplin selbst.
Literatur
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